Franz von Assisi war ein sehr traditioneller, gleichzeitig jedoch ein sehr neuer Heiliger. Er stand barfuss auf der Erde und berührte doch den Himmel. Er war in seiner Kirche tief verwurzelt und hatte doch einen Zugang zum Kosmos. Er lebte glücklich in der sichtbaren Welt und litt und jubelte doch auch in der Welt, welche andere für unsichtbar hielten. Er war in zwei Welten zu Hause und vereinte sie in sich.

 

Franziskus von Assisi (1182-1226)
Franziskus wird im Jahre 1181/82 als Sohn des wohlhabenden Kaufmanns Pietro di Bernardone und seiner Gattin Pica in Assisi geboren. Sein Vater Pietro widmet sich dem aufstrebenden Geschäft des Tuchhandels und so ist die Familie des Franziskus nicht arm und geniesst ein gewisses Ansehen in der Stadt Assisi.

Leben im Umbruch
Franziskus selbst arbeitete auch im Tuchgeschäft seines Vaters und verkaufte Tücher und Stoffe. Daneben genoss er mit seinen Freunden auf vielen Festen und in unbeschwerten Spässe das Leben. 1198 kam es zum Aufstand der Bürger Assisis; der Adel, darunter auch die Familie Klaras, floh ins Exil nach Perugia. Franziskus, der als Kämpfer gegen Perugia in die Schlacht gezogen ist, wurde mit vielen anderen jungen Männer der Stadt Assisi gefangengenommen und in einen Kerker nach Perugia geführt. Die Monate der schweren Kerkerhaft und der Entbehrungen waren für Franziskus eine Zeit des Nachdenkens über sein Leben. Als die Familien Assisis Monate später ihre Söhne aus den Gefängnissen Perugias freikaufen konnten, kehrte auch ein kranker und nachdenklich gewordener Franziskus nach Assisi zurück. Er begann nach einem tieferen Sinn für sein Leben zu suchen und stellte dabei auch neue Fragen nach seinem bisher im üblichen Rahmen gelebten christlichen Glauben. Wer ist Jesus? Was heisst radikale Nachfolge Christi? Ruft Gott mich nicht ganz persönlich?
Ohne sein bisheriges Leben, seine Arbeit und seine Kollegen aufzugeben, widmete sich Franziskus immer mehr diesen Fragen nach dem tieferen Sinn seines Lebens. Seine alten Träume von Macht und Ansehen blieben für ihn weiterhin ein Weg, seinem Leben Ausrichtung und Sinn zu geben. So liess sich Franziskus auf einen Kriegszug des Grafen Walter von Brienne ein, der im Auftrag des Papstes in Süditalien Krieg führen wollte. Mit Rüstung, Streitross und Waffen zog er zusammen mit anderen jungen Leuten von Assisi los und kehrte jedoch schon bald wieder zurück. Er hatte nämlich in Spoleto einen Traum in dem er eine Stimme hörte, die zu ihm sagte: "Franziskus, wer kann dir mehr bieten , der Herr oder der Knecht, der Reiche oder der Arme?"  "Natürlich der Herr und der Reiche", antwortete Franziskus. Darauf die Stimme: "Warum verlässt du dann den Herrn um des Knechtes, den Reichen um des Armen willen?" Darauf Franziskus: "Was willst du, Herr, dass ich tun soll?", und wieder die Stimme: "Kehre in dein Land zurück".
Dieser Dialog in Spoleto ist für Franziskus sehr bezeichnend. Er wollte aufs Ganze gehen, wollte immer alles, immer das Grössere und Umfassendere. Er wollte reicher, mächtiger  und wichtiger sein als alle anderen und entdeckte erst in einem langsam, schmerzhaften Prozess, was die tieferen Werte in seinem Leben waren. Nachdem er diese einmal erkannt hatte, wollte er  ihnen radikal und entschieden bis zum Letzten folgen.

Der Ruf des Gekreuzigten von San Damiano
Noch mehr als vorher zog sich Franziskus nach dieser Rückkehr aus Spoleto nach Assisi in die Stille zurück und dachte über die Ausrichtung seines Lebens nach. Doch sein Fragen wurde immer reifer und tiefer. In der Betrachtung der byzantinische Kreuzesikone der Kapelle San Damiano hörte Franziskus die Stimme des Gekreuzigten, die zu ihm sagte: "Franziskus, geh und stelle meine Kirche wieder her, die zu zerfallen droht!"
Endlich hatte Franziskus einen klaren Auftrag, den er sofort umsetzen wollte. Er begann mit der Renovierung der Kapelle von San Damiano und später von zwei anderen Kapelle in der Umgebung, darunter auch die Portiunkulakapelle. Dafür bettelte er in ganz Assisi um Steine und Baumaterial. Sein ungewöhnliches Verhalten und seine innere Veränderung führten zunehmend zu einem schweren Konflikt mit seinem Vater, der nichts für alternative Lebensformen und für übertrieben Religiosität übrig hatte. Franziskus verkaufte Stoffballen seines Vaters, doch als dieser von der Verschwendung seines Eigentums hörte, platzte ihm der Kragen sperrte Franziskus, um ihn zur Vernunft zu bringen, im Hauskeller in ein finsteres Loch. Während der Abwesenheit des Vaters befreite ihn die Mutter.

Nackt vor dem Gericht des Bischofs
Der Vater wollte ihn auf die Freilassung durch seine Mutter hin, vor die Stadtkonsuln bringen, um ihn verurteilen zu lassen. Franziskus wollte sich nun aber als gottgeweihter Mann nur noch der Gerichtsbarkeit des Bischofs von Assisi unterstellen. Der Bischof konnte Franziskus überzeugen, das Geld zurückzugeben. Doch dieser wollte den endgültigen Bruch mit seinem Vater und von allem irdischen Reichtum, der ihm nichts mehr bedeutete, loslassen und zog all seine Kleider aus, um alles, was er besass, seinem Vater zurückzugeben. Von nun an wollte er nur noch seinem Vater im Himmel dienen.

Die Bildung der Gemeinschaft
Franziskus beginn zu den Menschen zu predigen und sie zur Umkehr zur Botschaft des Evangeliums aufzurufen. Bald schliessen sich Franziskus die ersten Gefährten aus Assisi an. Sie sind tief beeindruckt von seinem neuen Lebensstil und wollen so leben wie er. Franziskus sendet sie denn auch gleich in die Welt aus, um überall, wo sie hinkommen, zu predigen, so wie es in der Aussendungsrede des Evangeliums heisst. Nach ihren öffentlichen Predigten treffen sich die Brüder wieder untereinander, um einander zu erzählen, was der Herr durch sie gewirkt hat, und um im Gebet und im Zusammensein tiefer in das Geheimnis Gottes einzudringen. Für ihren Lebensunterhalt arbeiten sie bei Bauern auf den Feldern oder erbetteln sich die nötigen Dinge.

Ein Weg in der Kirche
Franziskus und seine ersten Brüder erlebten vermutlich das damals breite Misstrauen von kirchlichen Amtsträgern und einigen Teilen der Bevölkerung gegenüber arm lebenden, religiösen "Vagabunden", die überall auftauchten, verschiedene Gruppierungen bildeten und kaum richtig einzuordnen waren. Franziskus entschloss sich, mit seinen Gefährten nach Rom zu gehen, um vom Papst die Bestätigung seiner Gruppe als kirchliche Gemeinschaft zu erhalten. "Und der Herr Papst hat es mir bestätigt", so schreibt er schlicht in seinem Testament. Wieder zurück in Assisi bauten die Brüder in Assisi, in der Nähe der Portiunkula-Kapelle Hütten und leben fortan dort, wenn sie nicht gerade arbeiten oder predigen.

Die Aufnahme Klaras
Als erste Frau Assisis begann sich die junge Adelstochter Chiara Favarone di Offreducio im Alter von vielleicht 17 Jahren für die Lebensweise des Franziskus zu interessieren und traf sich mehrmals mit ihm, um mit ihm über Gott und über ihr Leben zu sprechen. Sie sehnte sich nach einem Leben in der Nachfolge des armen Jesus, pflegte schon zuhause in ihrem Elternhaus ein intensives Gebetsleben und liess den Armen heimlich Lebensmittel von ihrem Elternhaus zukommen. Klara entschloss sich ihr Elternhaus heimlich zu verlassen, um sich von Franziskus in die Gemeinschaft der Brüder aufnehmen zu lassen. Als Zeichen ihrer Hingabe an Gott und ihres künftigen Lebens in Armut schnitt ihr Franziskus die langen, gepflegten Haare ganz kurz ab und kleidete sie in das graue, nicht gefärbte Gewand der Minderbrüder. Noch in derselben Nacht brachte Franziskus Klara zu den Benediktinerinnen von San Paolo della Abbadesse, später zu den Armen Frauen von Sant` Angelo in Panzo und schliesslich nach San Damiano, wo Klara und die sich bald anschliessenden Mitschwestern sich auf Dauer einrichteten. 1253 starb Klara, zwei Jahre nach ihrem Tod wurde sie heiliggesprochen.

Die Aussendung der Brüder in die ganze Welt
Die Bruderschaft um Franziskus wuchs sehr schnell auf über tausend Brüder an, so dass eine neue Organisation, neue Aufgabenfelder und Länder in den Blick genommen werden konnten. Daher beschloss  das sich um das Zentrum der Portiunkula-Kapelle versammelnde Pfingstkapitel 1217, die Gemeinschaft in Italien in sechs Provinzen aufzuteilen und jeder Provinz einen eigenen Provinzialminister als unmittelbar Verantwortlichen zu geben. Zudem wurden Brüder erstmals in verschiedene Regionen der Welt ausgesandt, um dort zu leben und das Evangelium zu verkünden. Dadurch kamen Gruppen von Minderbrüdern nach Frankreich, Deutschland, Spanien und Ungarn. Ebenso ins heilige Land Palästina und nach Marokko.

Die Stigmatisierung auf dem Berg La Verna
Wie schon in anderen Momenten seines Lebens durchlebte Franziskus auch im Jahre 1224 eine sehr tiefe Krise. Obwohl 1223 seine Regel von Papst Honorius III. feierlich bestätigt wurde, ging das innere Ringen des Franziskus um den weiteren Weg seines Ordens weiter. Hat er nicht viele Fehler gemacht? Hätte er den Orden besser gar nicht gegründet? Waren die Brüder nicht vom Grundgedanken, den ihm der Herr selber eingegeben hatte, abgewichen? Dazu kamen die inneren Zweifel, die Franziskus sehr quälten. Je länger er Gott suchte, desto entfernter erschien dieser ihm. Und je mehr er die unfassbare Heiligkeit Gottes wahrzunehmen vermochte, desto unerträglicher wurde ihm seine Schwäche, Sündhaftigkeit und Kleinheit. So wollte Franziskus wieder ganz neu aufbrechen, um Gott zu suchen und ihm neu zu begegnen. Dazu zog er sich im Sommer 1224 auf den einsamen Berg La Verna zurück. Dort erschien ihm ein sechsflügliger Seraph und Franziskus ist so sehr hineingenommen worden, dass an seinen Händen, Füssen und am Herzen die Wunden Jesu erscheinen. Obwohl Franziskus seinem Begleiter Bruder Leo und den anderen Brüdern gegenüber die Wundmale an seinem Leibe sorgsam verbarg, bemerkte Bruder Leo wegen des ruhigen Friedens, der Franziskus erfüllte, dass etwas Grosses geschehen sein musste.

Krankheit und Tod
Von vielen Krankheiten, unter anderem von einer Augenkrankheit, die ihn beinahe erblinden liess und den schmerzhaften Stigmata gezeichnet, verbrachte Franziskus den Winter 1224/25 in San Damiano. Er erlebte so leibhaft Schmerz, Einsamkeit und Selbstzweifel des Gekreuzigten mit, konnte aber durch dieses Leiden hindurch auch das tiefe Getragensein vom himmlischen Vater erfahren. Durch diese letzte Not hindurchgegangen, findet er endgültig zum Frieden in Gott und mit dem gesamten Kosmos. Aus dem fast erblindeten Franziskus bricht geradezu das Gotteslob des Sonnengesanges hervor und vermag sogar den Tod als Bruder zu begrüssen. Am 3.Oktober 1226 stirbt Franziskus, begleitet von den Anwesenden. Für ihn ist es ein Transitus, ein Hinübergang zu Gott, eine Verwandlung. Im Jahre 1228 wird Franziskus von Papst Gregor IX. heiliggesprochen.